Ein Junger Mann berichtet einer Psychologin
Ergebnisse einer BGN-Befragung

Gewalt im Betrieb zum Thema machen

Auch in den Branchen der BGN nehmen verbale, psychische und körperliche Übergriffe zu – oftmals im Spannungsfeld zwischen Kolleginnen und Kollegen, aber auch im Kontakt mit Kundschaft oder betriebsfremden Personen. Eine offene innerbetriebliche Gesprächskultur und die Integration des Themas Gewalt in die Gefährdungsbeurteilung tragen dazu bei, präventive Maßnahmen zu etablieren und Beschäftigte zu sensibilisieren.

Eine aktuelle Befragung unter mehr als 1.300 Beschäftigten verschiedener BGN-Branchen gibt nun Aufschluss über Art, Häufigkeit und Umgang mit Gewalterfahrungen im beruflichen Kontext. Ziel war es, ein realistisches Bild der Belastungslage zu gewinnen und Ansatzpunkte für wirksame Präventionsstrategien zu identifizieren. 

Die Online-Erhebung startete im Sommer 2025. Insgesamt 1.329 Personen folgten der Einladung der BGN und berichteten über ihre Erfahrungen mit Gewalt am Arbeitsplatz. Befragt wurden Beschäftigte aus Betrieben unterschiedlichster Größen und Tätigkeitsfelder – von der Nahrungsmittel- bis zur Getränkeindustrie, vom Bäckerhandwerk bis zum Gastgewerbe.

Gewalt kommt überall vor

Die Ergebnisse zeigen: Gewalt ist auch in den Branchen der BGN ein relevantes Thema. Befragt man die teilnehmenden Personen nach dem intensivsten Erlebnis innerhalb der vergangenen sechs Monate, wird deutlich: Nicht extreme Gewaltereignisse stehen im Vordergrund, sondern vor allem alltägliche Konflikte – bis hin zu verbalen Aggressionen, Sachbeschädigungen und unangepasstem Sozialverhalten. Körperliche Übergriffe oder Ereignisse extremer Gewalt wie Überfälle und Amokläufe sind sehr viel seltener, treten aber durchaus auf. Zwischen den Branchen bestehen dabei keine nennenswerten Unterschiede – Gewalt kann überall vorkommen. 

Auffällig ist zudem, dass Konflikte vor allem innerhalb der Belegschaft oder im Kundenkontakt auftreten. Je schwerer jedoch die Gewaltereignisse sind, desto häufiger sind auch betriebsfremde Personen beteiligt. Das verdeutlicht, dass erfolgreiche Prävention nicht nur intern ansetzen, sondern auch externe Schnittstellen einbeziehen muss.

Meldeverhalten und betriebliche Reaktion

Nur etwa die Hälfte aller Vorfälle im Betrieb wird gemeldet. Besonders selten tun es diejenigen, die selbst betroffen waren. Je persönlicher eine Gewalterfahrung ist, desto größer ist die Hemmung, sie anzuzeigen. Wo das Thema Gewalt bereits Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung ist, werden Vorfälle häufiger gemeldet – möglicherweise deshalb, weil Beschäftigte dort eine offenere Kultur im Umgang mit Konflikten wahrnehmen.

Betriebe reagieren auf gemeldete Gewaltereignisse überwiegend mit Gesprächsangeboten – entweder durch Führungskräfte (24 Prozent) oder im Team (19 Prozent). In etwa jedem zehnten Fall erfolgt eine Unterweisung zum Thema. Nur in knapp 15 Prozent der Fälle wird Gewalt – sofern noch nicht geschehen – als Konsequenz des Ereignisses in die Gefährdungsbeurteilung aufgenommen. Hier besteht deutliches Verbesserungspotenzial: Eine systematische Nachbearbeitung im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung wirkt nicht nur präventiv, sondern kann auch Betroffene nachhaltig entlasten.

Einfluss auf Verhalten und Prävention

Insgesamt zeigt sich, dass Gewalterlebnisse nur selten im Anschluss dazu führen, dass Tätigkeiten vermieden werden, die im Zusammenhang mit dem erlebten Gewaltereignis stehen. Wer jedoch selbst betroffen war, vermeidet solche Tätigkeiten erwartungsgemäß häufiger als Personen, die lediglich Zeuginnen oder Zeugen waren. Betriebe, die Gewalt in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen, nach Vorfällen Unterweisungen durchführen oder Gespräche anbieten, reduzieren diese Tendenz zusätzlich. Die Reaktion des Betriebs hat somit direkten Einfluss auf das Sicherheitsgefühl und die Handlungssicherheit der Beschäftigten.  

Knapp zwei Drittel der Betriebe erfassen Gewalt jedoch nicht grundsätzlich als Gefährdungsfaktor in ihrer Gefährdungsbeurteilung. Wo dies jedoch geschieht, werden in der Regel Maßnahmen abgeleitet – und überwiegend als wirksam eingeschätzt. 

Unterweisungen und Bekanntheit von BGN-Angeboten

Etwas mehr als die Hälfte der Betriebe unterweist regelmäßig oder gelegentlich zum Thema Gewalt. Besonders hoch ist die Unterweisungsquote dort, wo Gewalt Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung ist. Das zeigt: Wer das Thema systematisch integriert, stärkt auch die Sensibilität der Beschäftigten.

Die Bekanntheit spezifischer BGN-Angebote ist dagegen noch ausbaufähig. Am häufigsten genannt wurden die Seminarangebote und die Themenseite „Gewaltprävention“. Beratungsangebote durch Aufsichtspersonen oder das Psychotherapeutenverfahren waren deutlich weniger bekannt. Hier besteht Informationsbedarf, um die vorhandenen Unterstützungsangebote besser zugänglich zu machen.

Fazit: Die Ergebnisse machen deutlich, dass Gewalt auch in den Branchen der BGN Realität ist – meist in milder Form, aber dennoch mit spürbaren Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl und die Arbeitskultur. Besonders wichtig sind eine offene, von der Führung getragene Gesprächskultur sowie die konsequente Integration des Themas in die Gefährdungsbeurteilung. Nur wenn Gewalt als potenzielle Gefährdung anerkannt und systematisch bearbeitet wird, entstehen Strukturen, die Betroffene schützen und präventiv wirken.