
Bolzenschussapparate: Wie hoch ist die Bleibelastung?
Beim Betäuben von Großvieh mit Bolzenschussapparaten kann Blei freigesetzt werden – denn die verwendeten Kartuschen enthalten Bleistyphnat als Initialsprengstoff. Eine Messkampagne der BGN zeigt jetzt: Die Belastung der Beschäftigten durch Blei in der Luft liegt deutlich unter dem neuen europäischen Grenzwert. Gleichzeitig weisen Wischproben auf Bleirückstände an den Geräten hin. Entscheidend bleiben deshalb gute Hygiene und eine konsequente Reinigung der Bolzenschussapparate.
Auf den ersten Blick wirkt eine Bleiexposition in der Fleischwirtschaft ungewöhnlich. Tatsächlich kommen jedoch beim Betäuben von Großvieh seit jeher Bolzenschussapparate zum Einsatz, bei denen eine Kartusche den Bolzen nach dem Auslösen auf die erforderliche Geschwindigkeit beschleunigt. Diese Kartuschen enthalten unter anderem Bleistyphnat – einen Initialsprengstoff, der beim Zünden zerfällt und dabei auch Blei freisetzt.
Da in der EU ein neuer verbindlicher Grenzwert für Blei von 0,03 mg/m³ festgelegt wurde, der seit dem 9. April 2026 in allen EU-Mitgliedsstaaten gilt, musste auch die in Deutschland gültige Technische Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 505 „Blei“ angepasst werden. Sie beschreibt Schutzmaßnahmen für Beschäftigte, die mit bleihaltigen Materialien umgehen oder Blei ausgesetzt sein können.
Vor diesem Hintergrund führte die Messstelle Gefahrstoffe der BGN eine Messkampagne in Schlachtbetrieben durch. Ziel war es, mögliche Bleiexpositionen der Beschäftigten beim Betäuben mit Bolzenschussapparaten zu untersuchen.
Blei ist ein giftiges Schwermetall, das bereits in kleinen Mengen gesundheitsschädlich sein kann. Es kann insbesondere das Nervensystem, die Blutbildung und die Nieren schädigen. Außerdem gelten Bleiverbindungen als fruchtschädigend und können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.
Die Vorbereitungen
Mit Unterstützung des Branchenkoordinators der Fleischwirtschaft, Robert Schlosser, suchten die Aufsichtspersonen der BGN Schlachtbetriebe, in denen Großtiere überwiegend mit Bolzenschussapparaten betäubt werden und die zur Teilnahme bereit waren. Dabei zeigte sich, dass vor allem kleine und mittelgroße Betriebe diese Methode noch regelmäßig einsetzen – häufig an nur ein bis zwei Tagen pro Woche. Große Rinderschlachthöfe haben dagegen meist auf druckluftbetriebene Betäubungsgeräte umgestellt und halten Bolzenschussapparate nur noch als Reserve vor.
Zunächst wurden die Sicherheitsdatenblätter der verwendeten Zündkartuschen ausgewertet. Dort ist Bleistyphnat üblicherweise mit einem Anteil von 0,1 bis 2 Prozent angegeben.
Ziel des Messprogramms war es, die inhalative Belastung sowohl direkt am Arbeitsplatz der Beschäftigten als auch ortsfest in unmittelbarer Nähe der Schlachtfalle zu ermitteln.
Zusätzlich wurde untersucht, wie die Bolzenschussapparate gereinigt werden. Hintergrund ist, dass Blei auch über Hand-Mund-Kontakte aufgenommen werden kann – insbesondere bei mangelnder Handhygiene.
Die Messungen
Die Messungen führte die Messstelle Gefahrstoffe der BGN durch. Die Beschäftigten an der Schlachtfalle trugen dafür ein Probenahmesystem mit einer durchflussgeregelten Pumpe. Diese war über einen Schlauch mit einem Probenahmekopf verbunden, dessen Ansaugverhalten der menschlichen Atmung nachempfunden ist.
Im Probenahmekopf befand sich ein Filter, auf dem sich Bleipartikel abscheiden konnten. Nach Abschluss der Messung wurden die Filter im Labor analysiert. Für die ortsfesten Messungen wurde das gleiche System an einem Stativ befestigt.
Nach der ersten Arbeitsplatzmessung wurden zusätzliche Wischproben an den Bolzenschussapparaten genommen – jeweils vor und nach dem Betäuben. So sollte überprüft werden, ob sich Bleirückstände auf den Oberflächen des Geräts ablagern.
Messergebnisse: Blei in der Luft
Arbeitsplatz Betäubung | EU-Grenzwert in mg/m³ | Blei-Konz. in mg/m³ |
Betrieb 1: 30 Tiere in 3,8 h | 0,03 E | 0,0001 |
Betrieb 2: 15 Tiere in 0,5 h | 0,03 E | 0,0016 |
Betrieb 3: 107 Tiere in 3,4 h | 0,03 E | 0,0004 |
Betrieb 4: 18 Tiere in 3,4 h | 0,03 E | 0,0005 |
Betrieb 5: 50 Tiere in 2,5 h | 0,03 E | 0,0015 |
Die gemessenen Bleikonzentrationen in der Luft lagen zwischen 0,0001 und 0,0016 mg/m³. Der verbindliche europäische Grenzwert beträgt 0,03 mg/m³ in der einatembaren Fraktion. Damit lagen alle Messwerte deutlich unter einem Zehntel des Grenzwertes.
Die aktuelle TRGS 505 berücksichtigt jedoch nicht nur den Luftgrenzwert, sondern auch den biologischen Grenzwert von 150 µg Blei pro Liter Blut.
Hintergrund ist die Erfahrung, dass ein erheblicher Teil der individuellen Bleibelastung nicht allein durch das Einatmen von Bleistäuben oder Bleirauch entsteht. Auch bei niedrigen Konzentrationen in der Luft kann der biologische Grenzwert überschritten werden – etwa durch mangelnde Hygiene und eine Aufnahme über Hand-Mund-Kontakte. Solche Zusammenhänge wurden bereits in anderen Branchen, beispielsweise im Baugewerbe, festgestellt.
Deshalb wurden ab der zweiten Messung zusätzlich Wischproben an den Oberflächen der Bolzenschussapparate durchgeführt. Dabei konnte bei jeder Probe Blei nachgewiesen werden. In allen Fällen waren die Bleimengen nach dem Einsatz höher als davor.
Die Ergebnisse zeigen, dass bei der Reinigung der Geräte nicht nur innere Bauteile wie Bolzen und Führungsschiene berücksichtigt werden sollten. Auch äußere Bleirückstände müssen gezielt entfernt werden.
Messergebnisse: Wischproben
| Vor dem Betäuben [ Blei µg / Probenträger ] | Nach dem Betäuben [ Blei µg / Probenträger ] |
Betrieb 1: | keine Messung | keine Messung |
| Betrieb 2: | 7,0 | 21 |
| Betrieb 3: | 8,4 | 25 |
| Betrieb 4: | 29 | 50 |
| Betrieb 5: | 7,1 | 15 |
Die Ergebnisse zeigen: Beim Betäuben mit Bolzenschussapparaten kann Blei in den Atembereich freigesetzt werden. Die gemessene Belastung lag jedoch deutlich unter einem Zehntel des europäischen Grenzwerts. Gleichzeitig weisen die Wischproben auf Bleirückstände an den Oberflächen der Bolzenschussapparate hin.
Was bedeutet das für die Praxis?
Die allgemeinen Hygienevorschriften in der Fleischwirtschaft erfüllen bereits wesentliche Anforderungen der TRGS 505, etwa die Schwarz-Weiß-Trennung, die Reinigung der Arbeitskleidung und regelmäßiges Händewaschen.
Zusätzlich empfiehlt die BGN,
- beim Arbeiten mit Bolzenschussapparaten geeignete Handschuhe zu tragen,
- auch bei Reinigung und Wartung Handschuhe zu benutzen und
- die Geräte nach dem Einsatz mit Reinigungsmittel und Tuch gründlich abzuwischen.
Besonders wichtig ist es, dabei nicht nur die inneren Bauteile wie Bolzen und Führungsschiene zu reinigen, sondern auch äußere Bleirückstände gezielt zu entfernen.
Betriebe, die Fragen zur Bleiexposition haben oder Messungen durchführen lassen möchten, können sich an ihre zuständige Aufsichtsperson oder direkt an die Messstelle Gefahrstoffe der BGN wenden.
Hier können Sie Ihre zuständige Aufsichtsperson der BGN suchen.
Informationen und Kontakt zur BGN-Messstelle Gefahrstoffe


