
Fachkräfte für das
Gastgewerbe: So gelingt Integration im Betrieb
Im zweiten Teil unseres Interviews erläutert Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Thüringen, warum Sprache für Integration und Arbeitssicherheit entscheidend ist. Er beschreibt, wie Auszubildende sprachlich gefördert werden, warum internationale Fachkräfte eine Chance für das Gastgewerbe sind und welche drei Maßnahmen Betriebe sofort umsetzen können.
Das DEHOGA Thüringen Kompetenzzentrum vereint Auszubildende aus 36 Nationen. Damit Integration im Ausbildungsalltag gelingt, braucht es vor allem eines: Sprache. Sie ist Voraussetzung für fachliches Lernen, für Kommunikation im Team – und für Arbeitssicherheit im Betrieb. Wie Sprachförderung konkret funktioniert und welche Erfahrungen das Kompetenzzentrum dabei gesammelt hat, erklärt Dirk Ellinger im Interview.
Sprache und Arbeitssicherheit
Akzente: Sprache gilt als Schlüssel zur Integration, aber auch zur Arbeitssicherheit. Welche Deutschkenntnisse erwarten Sie?
Ellinger: Sprache ist tatsächlich die größte Herausforderung. Wir haben diesbezüglich schon sehr viel ausprobiert und suchen immer neue Wege. Aktuell erhalten die Auszubildenden vor dem offiziellen Ausbildungsstart drei Wochen lang intensiven Sprachunterricht. So schaffen wir eine erste Basis.
Akzente: Wie prüfen Sie die tatsächlichen Sprachkenntnisse der Bewerberinnen und Bewerber?
Ellinger: Wenn wir selbst im Ausland Azubis akquirieren, verlassen wir uns nicht ausschließlich auf externe Sprachzertifikate. Unsere Erfahrung zeigt, dass Testergebnisse nicht immer ein realistisches Bild der tatsächlichen Sprachkompetenz wiedergeben. Unsere Kolleginnen in der Ausbildungskoordination arbeiten dabei mit Interviewsituationen. Es geht nicht um auswendig gelernte Antworten, sondern um echte Kommunikationsfähigkeit.
Akzente: Wie gehen Sie nach der Ankunft der Auszubildenden in Deutschland vor?
Ellinger: Nach Ankunft lassen wir durch ein externes Partnerunternehmen Sprachtests durchführen. So bekommen wir ein Gefühl dafür, wie sicher jemand im freien Sprechen ist. Dabei erleben wir ganz unterschiedliche Ausgangsniveaus – manche sprechen einfach drauflos, andere sind deutlich zurückhaltender und unsicher. Diese Unsicherheit kann ein größerer Hemmfaktor sein als fehlende Grammatikkenntnisse. Genau hier setzen wir an: Wir schaffen eine Atmosphäre, in der Sprechen ausdrücklich erwünscht ist, und leben eine positive Fehlerkultur.

Für uns bedeutet Sprachförderung vor allem: früh beginnen, realistisch einschätzen, kontinuierlich begleiten – und geduldig dranbleiben. Denn Sprache entwickelt sich im Alltag, im Tun und im gemeinsamen Arbeiten.
Akzente: Wie fördern Sie Sprache konkret im Ausbildungsalltag?
Ellinger: Zum Beispiel erhalten alle Auszubildenden ein Starterpaket, das auch ein visuelles Fachwörterbuch für das Gastgewerbe enthält. Bilder helfen enorm, Fachbegriffe mit konkreten Handlungen zu verknüpfen. Sprache wird dadurch greifbarer.
Zusätzlich integrieren wir den Deutschunterricht in die regulären Schulblöcke. Denn Sprachkurse am Wochenende lassen sich in unserer Branche nicht realisieren. Das ist allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein, daher fordern wir auch Eigeninitiative der Auszubildenden. Eine Herausforderung entsteht, wenn viele Auszubildende derselben Nationalität in einer Gruppe sind – dann wird häufig wieder in der Muttersprache gesprochen. In sprachlich gemischten Gruppen hingegen steigt die Lernkurve deutlich, weil alle auf Deutsch angewiesen sind, um sich zu verständigen. Entscheidend ist, dass alle verstehen: Sprache ist Teil der beruflichen Integration.
Akzente: Welche Bedeutung hat Sprache für die Arbeitssicherheit?
Ellinger: Im Bereich der Arbeitssicherheit zeigt sich besonders deutlich, wie eng Sprache und Praxis miteinander verbunden sind. Viele Vorgaben zum Arbeitsschutz und Hygienestandards sind erklärungsbedürftig, weil sie je nach Herkunftsland unterschiedlich ausgeprägt sein können. Diese Unterschiede greifen wir sachlich auf und machen transparent, welche Standards in Deutschland gelten. Gerade im praktischen Unterricht lässt sich Sprache besonders gut vermitteln: Wenn ich zeige, wie man sicher mit Messern arbeitet oder warum bestimmte Hygieneschritte zwingend notwendig sind, entstehen klare Bilder im Kopf. Solche Bilder erleichtern das Sprachverständnis und machen Arbeitssicherheit anschaulich. Für uns bedeutet Sprachförderung vor allem: früh beginnen, realistisch einschätzen, kontinuierlich begleiten – und geduldig dranbleiben. Denn Sprache entwickelt sich im Alltag, im Tun und im gemeinsamen Arbeiten.
Motivation und Fachkräftemangel
Akzente: Welche Rolle spielt Integration für die Zukunftsfähigkeit des Gastgewerbes?
Ellinger: Aus Branchensicht ist Integration nüchtern betrachtet alternativlos. Wir stehen vor einem massiven Fachkräftemangel im Hotel- und Gastgewerbe. Wenn wir nicht aktiv Nachwuchs gewinnen und qualifizieren, gefährden wir langfristig das Überleben unserer Branche. Gleichzeitig konkurrieren wir mit anderen Wirtschaftszweigen, die attraktivere Arbeitszeitmodelle bieten können. Wochenend- und Feiertagsarbeit gehören bei uns dazu – während andere ihre Freizeit genießen, organisieren wir sie. Das macht die Nachwuchsgewinnung nicht leichter. Was mich besonders umtreibt, ist die öffentliche Wahrnehmung.
Akzente: Wie wird das Gastgewerbe aus Ihrer Sicht gesellschaftlich wahrgenommen?
Ellinger: Dienstleistungsberufe werden noch immer unterschätzt. Dabei gibt es kaum etwas Schöneres, als exzellenten Service zu erleben. Dafür brauchen wir Menschen, die Freude an Service haben, die Dienstleistung wirklich wollen, die mit einem Lächeln arbeiten und mit Herzblut Professionalität zeigen. Wir brauchen Menschen mit einem „Dienstleistungs-Gen“. Das lässt sich nicht erzwingen.
Und genau hier zeigt sich, dass internationale Fachkräfte nicht nur eine Alternative sind, sondern oft eine echte Bereicherung. In vielen Kulturen hat Dienstleistung einen anderen Stellenwert, wird mit mehr Selbstverständlichkeit und Stolz ausgeübt. Andere Mentalitäten tun sich hier manchmal leichter – sie sind offener und haben schlicht Spaß an Service. Integration ist mehr als nur eine Antwort auf den Fachkräftemangel – sie ist eine Chance für unsere Branche.
Akzente: Was motiviert Sie persönlich, sich so stark dafür einzusetzen?
Ellinger: Was mich persönlich antreibt: Ich habe das große Glück, dass mir meine Arbeit wirklich Freude bereitet. Zu sehen, wie junge Menschen bei uns anfangen – zunächst noch verunsichert, oft mit geringen Deutschkenntnissen – und sich dann entwickeln, wachsen und erfolgreich ihren Abschluss machen, das ist etwas sehr Erfüllendes. Besonders berührend ist für mich, wenn man ihnen Jahre später wieder begegnet und sie sich noch an einen erinnern und immer noch freundlich grüßen. Diese Momente zeigen mir, dass wir mehr tun, als nur auszubilden – wir begleiten Menschen auf einem wichtigen Abschnitt ihres Lebenswegs. Diese Entwicklung begleiten zu dürfen, motiviert mich enorm. Natürlich bin ich auch sehr froh, dass wir engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, die ebenso mit sehr viel Leidenschaft und Engagement den gesamten Prozess der Ausbildung für unsere Branche betreiben.
Am Ende ist es eine Mischung aus Verantwortung für die Branche und persönlicher Überzeugung: Ich glaube an das, was wir tun – und das treibt mich an.

Aus Branchensicht ist Integration nüchtern betrachtet alternativlos.
Tipps für Betriebe
Akzente: Wenn Sie drei konkrete Maßnahmen nennen müssten, die Betriebe sofort umsetzen können – welche wären das?
Ellinger: Erstens: transparente Kommunikation und Haltung zeigen. Integration gelingt nur, wenn alle Mitarbeitenden von Anfang an mitgenommen werden und verstehen, wie Abläufe funktionieren und welche Regeln gelten. Dazu gehört auch, Herausforderungen zu benennen, bei Regelverletzungen konsequent zu reagieren, sich aber auch vor seine Mitarbeitenden zu stellen. Führung heißt Haltung zeigen.
Zweitens: in Ausbildung investieren. Ausbildung ist nie preiswert. Sie kostet Zeit, Ressourcen und persönliches Engagement. Aber diese Investition zahlt sich aus. Wer gezielt in die nächste Generation investiert, Freude am Beruf vermittelt und junge Menschen ernst nimmt, stärkt langfristig die eigene Mannschaft und sichert Fachkräfte für die Zukunft.
Drittens: Vertrauen schenken. Loslassen ist nicht immer leicht, gerade weil man als Unternehmerin oder Unternehmer in der Verantwortung und letztendlich eben in der Haftung steht. Doch Vertrauen ist ein zentraler Motor für Entwicklung. Ich gebe zu, auch ich musste dies lernen. Wer Mitarbeitenden Freiraum gibt und klare Rahmen setzt, fördert Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein und Loyalität.
Dirk Ellinger ist Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Thüringen und Geschäftsführer der DEHOGA Thüringen KOMPETENZZENTRUM gGmbH. Zudem ist er ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der BGN (Arbeitgebervertreter). Der Diplom-Betriebswirt und leidenschaftliche Koch setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, jungen Menschen den Einstieg ins Gastgewerbe zu ermöglichen.
Zum ersten Teil des Interviews: Dort erklärt Dirk Ellinger, welche ersten Schritte entscheidend sind und welche Rolle ein strukturiertes Onboarding spielt.
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