
Fehlerkultur bei Coca-Cola: Mit HOP Arbeitsunfälle vermeiden
Auch in gut organisierten Betrieben passieren Fehler – entscheidend ist, wie Unternehmen damit umgehen. Eine lernorientierte Fehlerkultur hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen und Arbeitsunfälle zu vermeiden. Wie das HOP-Prinzip (Human and Organizational Performance) dabei unterstützt und welche Erfahrungen Coca-Cola Europacific Partners damit gemacht hat, zeigt dieser Beitrag.
Bei Coca-Cola Europacific Partners Deutschland GmbH (CCEP DE), seit 2024 VISION ZERO-Kooperationspartner der BGN, wurde das „Human and Organizational Performance (HOP)“-Prinzip erfolgreich etabliert.
Das HOP-Prinzip ist ein moderner Ansatz zur Sicherheits- und Organisationsentwicklung, der anerkennt, dass menschliches Fehlverhalten unvermeidbar ist. Anstatt Fehler zu bestrafen, zielt HOP darauf ab, aus ihnen zu lernen und Systeme so zu gestalten, dass Fehler frühzeitig erkannt und ihre Auswirkungen minimiert werden.
Im Mittelpunkt stehen eine offene Fehlerkultur, lernorientierte Führung und die kontinuierliche Verbesserung von Arbeitsprozessen, um Sicherheit und Leistung nachhaltig zu stärken. Dabei werden Unfälle nicht als individuelles Fehlverhalten interpretiert, sondern ihre Ursachen in tieferliegenden organisatorischen Faktoren gesucht, wie zum Beispiel unklaren Prozessen und Zuständigkeiten, widersprüchlichen Zielen oder unzureichender Unterstützung im Arbeitsalltag.
Die fünf Grundprinzipien von HOP
- Fehler zu machen, ist der Normalfall: Alle Menschen sind fehlbar, auch die Besten machen Fehler.
- Schuldzuweisungen beheben nichts: Fehleranfällige Situationen sind vorhersehbar, beherrschbar und vermeidbar.
- Rahmenbedingungen beeinflussen das Verhalten: Verhalten wird durch organisatorische Prozesse und Werte geprägt.
- Die Reaktion auf Fehler macht den Unterschied: Menschen erreichen ein höheres Leistungsniveau durch Ermutigung und Wertschätzung von Führungskräften, Kolleginnen und Kollegen sowie Mitarbeitenden.
- Lernen und Verbessern sind die Grundlage: Vorfälle können vermieden werden, indem man die Rahmenbedingungen für das Auftreten von Fehlern versteht und daraus lernt.
„Sicherheit beginnt mit Zuhören“
Harald Steinke, Manager Safety bei CCEP DE, war an der Einführung des HOP-Ansatzes maßgeblich beteiligt und teilt seine Erfahrungen in einem Interview mit der BGN.
Welche konkreten Veränderungen im Arbeitsalltag haben Sie nach der Einführung von HOP beobachten können?
Seitdem wir uns mit dem Thema HOP auseinandersetzen, hat sich unser Blick auf Arbeitssicherheit grundlegend geändert. Und es ist noch nicht vorbei – im Gegenteil: Wir entdecken immer neue Möglichkeiten, wie wir Unfälle verhindern können, die noch nicht stattgefunden haben.
Wie liefen Ihre Sicherheitsdialoge früher ab? Was hat sich verändert?
Nehmen wir das Beispiel unserer lernorientierten SICHER-Dialoge, wir nennen diese die „vier Fragezeichen“. Begonnen hat alles vor vielen Jahren mit Rundgängen und Begehungen. Früher wurden Fehler und Abweichungen erkannt, aufgeschrieben und dann behoben – mit einem starken Fokus auf technische Verbesserungen.
Wie läuft es heute ab? Welche Rolle spielt das Verhalten der Mitarbeitenden?
Dann kam irgendwann der Mensch dazu: Wir haben Verhalten beobachtet, mit den Mitarbeitenden besprochen und gemeinsam mit ihnen Maßnahmen vereinbart. Das war ein riesiger Schritt auf unserer Kulturreise. Mit dem Fokus auf das Erkennen von sicheren und unsicheren Arbeitssituationen haben unsere Gespräche einen ganz neuen Charakter bekommen. Das hat uns den Weg geebnet, mithilfe der vier Fragezeichen Antworten unserer Mitarbeitenden auf vier grundlegende Fragen zu erhalten.

„Arbeitssicherheit heißt, fehleranfällige Situationen zu erkennen, bevor daraus Unfälle werden.“
Was steckt hinter diesen vier Fragezeichen?
Erstens: „Was ist für dich nicht sinnvoll?“ Hier geht es um die Sinnhaftigkeit als Schlüssel zur sicheren Ausführung. Was unklar, unnütz oder unlogisch erscheint, wird selten fehlerfrei umgesetzt. Diese erste Frage lädt Mitarbeitende dazu ein, genau das offen mitzuteilen.
Zweitens: „Was ist für dich besonders schwierig?“ Hiermit wollen wir Komplexität abbauen, um Fehler zu vermeiden. Was als „zu schwierig“ empfunden wird, wird häufiger falsch gemacht – das ist völlig menschlich. Wenn wir verstehen, wo Mitarbeitende mit Schwierigkeiten konfrontiert werden, können wir Probleme beheben, bevor etwas passiert.
Drittens: „Was ist für dich besonders gefährlich?“ Hier wollen wir Gefährdungen durch die Augen der Mitarbeitenden erkennen. Gefährdungsbeurteilungen bilden die Grundlage unseres Handelns, doch die besten Hinweise kommen von den Beschäftigten selbst. Wenn ich nun in einem Dialog nach weiteren Gefährdungen frage, lerne ich als Führungskraft und kann – meist schon mit kleineren Verbesserungen wie dem Anbringen einer Abdeckung oder eines Spritzschutzes – eine Gefährdung aus dem System nehmen.
Viertens: „Was machst du anders als geplant?“ Hier geht es um echte Einblicke in die Realität der Arbeit. Diese Frage legt offen, wie Arbeit wirklich ausgeführt wird. Prozesse verändern sich im Alltag. Mitarbeitende entwickeln oft eigene Lösungen, um Aufgaben effizienter oder sicherer zu erledigen.
Warum braucht es diesen neuen Zugang?
Im vergangenen Jahr hatten wir über 20.000 Einträge zu den genannten lernorientierten SICHER-Dialogen – eine riesige Menge an Informationen. Doch wenn wir als Organisation lernen wollen, warum zum Beispiel bestimmte Schutzmaßnahmen nicht angewandt werden oder wo weitere gefährliche Situationen bestehen, brauchen wir Fragen anstelle von Hinweisen. Genau deshalb haben wir die vier Fragezeichen entwickelt.
Wie eine gute Fehlerkultur Sicherheit stärkt
Fehlerkultur-Ansätze wie das HOP-Prinzip und die „vier Fragezeichen“ können Vertrauen, Offenheit, Verständnis und bessere Arbeitsbedingungen fördern und sind ein zentraler Baustein für eine lernende Sicherheitskultur im Betrieb.
Wird eine gute Fehlerkultur erfolgreich etabliert, beteiligen sich Mitarbeitende stärker an der Analyse von Unfällen und Beinaheunfällen und geben ehrlicheres Feedback, weil die Angst vor Schuldzuweisungen abnimmt. So können Schwachstellen frühzeitig erkannt und Maßnahmen ergriffen werden, bevor es zu Unfällen kommt.



