Florian Russ (links) und Caféinhaber Max C. Luscher (rechts)  bei Coffee, Brownies and Downies
Inklusion im Gastgewerbe

Coffee, Brownies & Downies: Ein Café zeigt, wie Inklusion gelingt

Akzente hat das Inklusionscafé Coffee, Brownies & Downies in Oberursel besucht – hier arbeiten Menschen mit und ohne Beeinträchtigung Seite an Seite. Die Inhaber Max C. Luscher und Roland Braza zeigen, dass gelebte Inklusion und ein florierender Betrieb vereinbar sind. Was es dafür braucht? Weniger Perfektion und mehr Präsenz, Engagement und den Willen, den Menschen ins Zentrum zu rücken.

Ein freundliches Hallo, Kaffeeduft, leise Gespräche und gemütliche Sitznischen – eine Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt. Das alles erwartet Gäste, die das Café Coffee, Brownies & Downies im Herzen von Oberursel nördlich von Frankfurt am Main besuchen. So weit, so normal – und das ist Absicht. „Wir betreiben hier ein Inklusionscafé“, sagt Mitgründer und Inhaber Max C. Luscher. „Aber wir wollen, dass sich alles ganz normal anfühlt. Wir punkten mit guter Qualität und unserem Premium-Service Herzenswärme.“ 

Mitarbeiter Matheo Schultheis führt uns zu einem gedeckten Tisch. Der 20-Jährige hat Trisomie 21, auch bekannt als Down-Syndrom, und arbeitet seit der Café-Gründung im Service. Am meisten mag er den Umgang mit Menschen: „Ich bin sehr kontaktfreudig“, sagt er strahlend. „Ich unterhalte mich gerne mit den Gästen.“ Er stellt einen Teller Brownies vor uns hin, die köstlich schmecken und ein wohliges Gefühl auslösen. Man fühlt sich schnell willkommen in dem hellen, geräumigen Café. Verschiedene Sitzgelegenheiten, von Sofaecke und Hängesessel bis zum „Zugabteil“, bieten für jeden etwas. „Viele Gäste bleiben über Stunden“, sagt Mitarbeiter Jan Meister. „Manche kommen mit Laptop und arbeiten, andere kommen zum Quatschen. Das hier ist nicht nur ein Café – es ist ein Erlebnis.“ Doch wie ist das gelungen?

Max C. Luscher, Inhaber und Mitgründer des Inklusionscafés Coffee, Brownies and Downies in Oberursel

Bei uns steht der Mensch im Fokus. Wir punkten mit guter Qualität und dem ,Premium-Service Herzenswärme.‘

Die Vision: Inklusion als echte Teilhabe am Arbeitsmarkt

Die Gründer und Inhaber Max C. Luscher und Roland Braza eröffneten das Inklusionscafé im August 2025. Ihre Motivation hatte dabei auch persönliche Gründe. Denn beide haben schwerbehinderte Kinder und wünschen sich für diese echte Teilhabe und Perspektiven – auch im Beruf. Gelebte Inklusion im ersten Arbeitsmarkt ist die Vision der Inhaber. „Uns ist es wichtig zu zeigen, dass die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung in den Arbeitsmarkt gut gelingen kann“, betont Luscher. Sie möchten Hürden im Kopf abbauen und zugleich das Streben nach Perfektion hinterfragen: „Wenn man mit schwerbehinderten Menschen arbeitet, sollte man bereit sein, auch mal 80 Prozent zu akzeptieren, und nicht die 100-prozentige Lösung anzustreben. Wenn das in unserer Gesellschaft akzeptabel wäre, würden viel mehr Arbeitgeber die Inklusion angehen.“ 

Echtes Zusammenleben bedeutet für Luscher, dass Menschen mit Schwerbehinderung auch im täglichen Arbeitsumfeld insbesondere der Privatwirtschaft sichtbar werden, vom Bäcker bis zum Friseur und Café – nicht nur separiert in Werkstätten. „Ich wünsche mir Inklusion als gelebte Realität von unten“, sagt er. „Das heißt: Sichtbarkeit und Integration von der Kita über die Schulen bis in die Ausbildung und das Arbeitsleben. Wenn wir das ermöglichen wollen, muss auch die Privatwirtschaft mitmachen. Dazu müssen wir weg von Regeln für die perfekte Lösung hin zu Regeln, die echte Geschäftstätigkeit unterstützen.“

Das Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies in Oberursel

Die lächelnde Tasse im Logo ist Programm: Das Inklusionscafé Coffee, Brownies & Downies liegt im Herzen der Fußgängerzone von Oberursel.

Das Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies ist barrierefrei zugänglich

Verschiedenen Sitzmöglichkeiten laden in dem hellen, geräumigen Café zum Bleiben ein. Eine Rampe ermöglicht den barrierefreien Zugang.

Hürden nehmen: Bürokratie abbauen, Förderungen vereinfachen

Damit Inklusion gelingt, ist für Max C. Luscher eine Stärkung des Unternehmertums durch den Rückbau von Bürokratie elementar. Der 47-Jährige hat acht Jahre lang als CEO für Zentral- und Nordeuropa der B&B-Hotels – der größten Hotelkette Deutschlands – zahlreiche Hoteleröffnungen mitverantwortet. Für die Eröffnung des Cafés habe dies nur bedingt geholfen. Er und sein Partner Roland Braza mussten sich durch bürokratische Prozesse und Förderanträge kämpfen, manchmal über Monate. Besonders kritisch sieht Luscher, dass manche Regelungen zu risikoreich für Unternehmer und damit ein Hemmschuh seien. 

„In Deutschland können Inklusionsunternehmen finanzielle Unterstützung durch eine Investitionskostenförderung und hohe Lohnkostenzuschüsse bis zu 80 Prozent erhalten“, erläutert Luscher. „Doch weil die exakte Förderhöhe oft erst nach Einreichung des Arbeitsvertrags festgestellt wird, fehlt den Unternehmen Planungssicherheit. Wir wünschen uns daher ein vorgelagertes Prüfsystem und eine Vereinheitlichung des Förderwesens. Wir brauchen in Deutschland Unternehmertum mit Menschen, die Arbeitsplätze schaffen. Das ist kaum möglich, wenn sich selbst jemand mit unserer Erfahrung dabei noch schwertut.“ 

Simon Grünig im Gespräch mit Gästen bei Coffee, Brownies and Downies
Ein stets freundlicher Empfang: Mitarbeiter Simon Grünig begrüßt Gäste am Tresen.
Matteo Schultheis bedient Gast im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies
Matheo Schultheis arbeitet seit der Eröffnung im Service – QR-Codes an den Tischen vereinfachen Bestell- und Bezahlvorgänge.
Praktikantin Marleen Bailer im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies
Praktikantin Marleen Bailer hilft heute in der Küche mit. Hier wird immer mindestens zu zweit gearbeitet.
Namensschilder im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies in Oberursel
Der Mensch im Mittelpunkt: Dank Namensschildern ist jeder Mitarbeitende persönlich ansprechbar
Mitarbeiter Vincent Lang im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies
Mitarbeiter Vincent Lang genießt ein paar ruhige Minuten, bevor es weitergeht.

Der Faktor Mensch: Von individuellen Lösungen und ständigem Austausch

Was sollten Gastronomen beachten, wenn sie einen inklusiven Betrieb eröffnen möchten? Für Luscher ist die innere Haltung entscheidend. Wer mit Menschen mit Schwerbehinderung arbeiten möchte, sollte auf persönliche Ansprechbarkeit, eine gute Kommunikation und individuelle Lösungen setzen. „Immer präsent zu sein, gehört zur DNA unseres Betriebs“, betont er. Zuhören, zeigen, machen lassen, nachfragen und helfen – ohne diese Mischung aus Mut, Engagement und Gesprächen gehe es nicht. 

Das bestätigt auch Kathrin Dorn, Betriebsleiterin des Cafés. Die gelernte Restaurantfachfrau hat vom Fünfsternehotel bis zum Foodtruck schon alle Facetten der Gastronomie miterlebt. Bei Coffee, Brownies & Downies leitet sie ein Team von rund 20 Menschen, darunter elf Mitarbeitende mit Beeinträchtigung. Alle Arbeitsmodelle sind vertreten, von fest angestellten Vollzeitkräften über Teilzeitmitarbeitende und Minijobber bis zur Praktikantin.

Die individuellen Bedarfe und Fähigkeiten lässt Kathrin Dorn mit Augenmaß in den Schichtplan einfließen. Denn manche Mitarbeitende könnten sechs, andere nur vier Stunden arbeiten. Der Schlüssel für gute, individuelle Lösungen: regelmäßige Gespräche. „Einmal im Monat treffen wir uns in der großen Runde mit allen Mitarbeitenden“, erklärt Dorn. „Wir fragen: Was läuft gut und was nicht? Gibt es Probleme, können wir irgendwo unterstützen? Hat jemand zu viel Arbeit, ist über- oder gar unterfordert und möchte mehr Aufgaben? Am Ball zu bleiben, ist wichtig.“

Caféinhaber Max C. Luscher (hinten links) mit Mitarbeitenden seines Teams bei Coffee, Brownies and Downies

Stolz auf sein Team: Max C. Luscher (hinten links) mit Betriebsleiterin Kathrin Dorn und den Mitarbeitenden Kerstin Steinmacher, Florian Russ, Matheo Schultheis, Marleen Bailer und Svenia Wissmann (von links nach rechts).

Gastronomie und Arbeitssicherheit mit Herz und Verstand

Bei Coffee, Brownies & Downies sollen alle Mitarbeitenden das tun, was sie können – oder noch erlernen können. Das ist Max C. Luscher für echte Teilhabe wichtig. Manche übernehmen gern den Service, andere helfen lieber in der Küche beim Zubereiten von Speisen, Aufräumen oder auch mal bei Schneidearbeiten. Letztere natürlich unter Anleitung durch Kollegen und auch mit Schnittschutzhandschuhen. Arbeitssicherheit für alle wird hier durch Teamwork, Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft geschaffen – das habe sich in der Praxis am meisten bewährt, betont Luscher: „Man kann sagen, dass unsere Kollegen mit Down-Syndrom eher schlechte Theoretiker sind. Schulungen würden da weniger helfen, das Dabeisein ist wichtiger. Dadurch gab es bei uns auch noch keine nennenswerten Unfälle.“ 

Weitere unterstützende Schritte für die Arbeitssicherheit sind organisatorischer Art. Sie reichen vom bruchfesten Geschirr bis zur Schichteinteilung in der Küche: „Wir arbeiten hier immer zu zweit, manchmal zu dritt, mit mindestens einem Mitarbeiter ohne Beeinträchtigung, der im Zweifelsfall anleiten und helfen kann“, erläutert die Küchenchefin und gelernte Köchin Svenia Wissmann. „Ich bin dabei immer ansprechbar.“ 

Simon Grünig arbeitet im Café Coffee, Brownies and Downies
Der perfekte Kaffee? Kein Problem für Simon Grünig (links) und Jan Meister (hinten) – dank Kaffeemaschine mit integriertem Computer.
Matteo Schultheis beim Putzen im Café Coffee, Brownies and Downies
Von Küchendienst bis Sauberkeit: Im Café fallen viele Aufgaben an. Jeder Mitarbeitende leistet, was er oder sie kann – oder noch lernen kann.
Marleen Bailer (links) und Svenia Wissmann (rechts) im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies
Unterstützung und Präsenz sind im Inklusionsbetrieb besonders wichtig: Küchenchefin Svenia Wissmann (rechts) arbeitet Praktikantin Marleen ein …
Praktikantin Marleen Bailer im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies
… hier bereitet Marleen kleine Kuchen zum Aufbacken vor.
Salattheke bei Coffee, Brownies and Downies
Standardisierte Abläufe aus der Systemgastronomie vereinfachen das Zubereiten der Speisen.

Zur Sicherheit tragen außerdem möglichst vereinfachte, strukturierte Abläufe aus der Systemgastronomie bei: Sandwiches werden nach Vorgabe belegt, gelieferte Backwaren fertig aufgebacken. Heute arbeitet Svenia Wissmann mit Praktikantin Marleen in der Küche. Die 19-Jährige strahlt, als sie schildert, dass sie heute schon kleine Kuchen anrichten durfte: „Es macht mir viel Spaß hier. Mein Praktikum geht noch zwei Wochen, dann muss ich über alles Weitere mit meinen Eltern sprechen.“ 

Damit Arbeitssicherheit im Kontext der Inklusion gelingt, müsse der Mensch im Mittelpunkt stehen, betont Max C. Luscher. Was benötigen meine Mitarbeitenden konkret? Das sei die wichtigste Frage für Arbeitgeber. Kathrin Dorn zeigt uns noch ein Beispiel dafür, wie solche individuellen Lösungen bei ihnen aussehen: die erhöht installierte Waschmaschine. „Unsere Kollegen mit Down-Syndrom haben bei häufigem Bücken schnell mal Schmerzen in den Schultern“, erklärt Dorn. „Deshalb haben wir entsprechend umgebaut.“

Das Franchise-Konzept: Mut zum Mitmachen

Max C. Luscher und Roland Braza haben Coffee, Brownies & Downies als Franchise und damit auf Verbreitung angelegt. Sie möchten andere Unternehmer animieren und Berührungsängste mit Inklusion abbauen. „Wir wollen zeigen, dass es funktioniert!“, betont Luscher. „Franchisenehmer bekommen von uns ein tragfähiges Konzept, sodass sie nicht bei null anfangen müssen. Dazu zählen Hinweise zur Ausstattung und zu vereinfachten Arbeitsabläufen, etwa durch die Bezahlung per QR-Code am Tisch.“ Auch in Fragen zu Förderungen bieten Luscher und Braza Unterstützung an. 

Ihre Botschaft an Unternehmer ist vor allem, dass sich Inklusion und Profitabilität nicht ausschließen – sie wollen zum Mitmachen ermutigen. Elementar sei das Investieren in Topqualität, sagt Luscher. „Mein wichtigster Tipp ist, den Betrieb einfach sehr professionell aufzubauen. Egal, ob es ein Café, ein Bäcker oder Metzger ist. Die Gäste kommen nur einmal aus Sozialromantik, danach wollen sie Qualität zum guten Preis.“ Was seine Vision für ihr Konzept in fünf Jahren ist? „Wenn wir träumen dürfen, sagen wir: 100 Cafés in Deutschland!“, sagt Luscher lachend. „Aber vor allem wollen wir die gesellschaftspolitische Diskussion führen – mit Bürgermeistern, Landräten, Politikern und Vertretern der Inklusionsbranche darüber reden, wie wir das System Inklusion im Arbeitsleben so umbauen, dass es besser funktioniert.“

Luise Brüggemann faltet Wäsche im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies

Immer mit einem Lächeln: „Ich freue mich auf meine Schicht am Samstag!“, sagt Mitarbeiterin Luise Brüggemann.

Mitarbeiter Matheo Schultheis im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies

Matheo Schultheis mag besonders den Kundenkontakt: „Ich rede gern mit den Gästen.“

Ein Café zum Wohlfühlen – immer einen Besuch wert

Jede Vision beginnt mit ersten Schritten, und die wurden bei Coffee, Brownies & Downies getan. Gastronomie, die den Menschen ins Zentrum rückt, den Mut zu individuellen (nicht perfekten) Lösungen hat und mit Herzlichkeit punktet – all das ist in dem Inklusionsbetrieb Realität und lädt zum Nachmachen ein. Die Resonanz der Gäste? „Die ist im Allgemeinen sehr, sehr positiv“, freut sich Kathrin Dorn.

Als wir gehen, sehen wir Mitarbeiterin Luise Brüggemann beim Wäschefalten. „Ich freue mich darauf, am Samstag wieder zu arbeiten!“, sagt sie strahlend. „Und kommt gerne wieder!“ Das werden wir, denn das Menschliche steht in diesem Café tatsächlich an erster Stelle. 

Max C. Luscher (links) und Matteo Schultheis (rechts) im Inklusionscafé Coffee, Brownies and Downies

Die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung erleben wir hier als ganz normal.