Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer DEHOGA-Thüringen
Interview mit Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Thüringen (Teil 1/2)

Fachkräfte für das Gastgewerbe: „Integration beginnt lange vor dem ersten Ausbildungstag“

Der Fachkräftemangel stellt viele Betriebe im Gastgewerbe vor große Herausforderungen. Ein Ansatz ist die Ausbildung junger Menschen aus dem Ausland. Das DEHOGA Thüringen Kompetenzzentrum sammelt damit seit Jahren positive Erfahrungen. Geschäftsführer Dirk Ellinger erklärt im ersten Teil unseres Interviews, wie Integration gelingt und welche Faktoren dabei entscheidend sind.

Das DEHOGA Thüringen Kompetenzzentrum vereint derzeit Auszubildende aus 36 Nationen. Viele von ihnen kommen erstmals nach Deutschland, beginnen hier ihre Ausbildung im Gastgewerbe und müssen sich gleichzeitig in einem neuen Land orientieren. Wie Integration unter diesen Bedingungen gelingen kann, darüber spricht Geschäftsführer Dirk Ellinger.

Integration beginnt vor der Ausbildung

Akzente: Wann beginnt für Sie Integration, Herr Ellinger?

Ellinger: Integration beginnt für mich nicht am ersten Ausbildungstag, sondern weit im Vorfeld. Da wir eine Schule in freier Trägerschaft sind, haben wir die organisatorischen Abläufe komplett selbst in der Hand. Wir kümmern uns um alle notwendigen Maßnahmen wie Visa, Aufenthaltstitel, Sprachschule, Behördenangelegenheiten, Unterkunft, Krankenversicherung und dergleichen. Unser Ansatz ist ein echtes Rundum-sorglos-Paket – sowohl für Auszubildende als auch für  Betriebe. Dabei arbeiten wir eng mit den zuständigen Ausländerbehörden zusammen und wissen, welche Unterlagen zu Ausbildungsbeginn vorliegen müssen. Denn das ist häufig der Knackpunkt: Fehlen Dokumente, verzögert sich die Bearbeitung – und das sorgt für Frust auf allen Seiten.

Akzente: Wie bereiten Sie Auszubildende schon im Ausland auf die Ausbildung in Deutschland vor?

Ellinger: Entscheidend ist auch frühzeitige Transparenz. Wir sehen es als unsere Aufgabe, bereits im Vorfeld der Ausbildung für Klarheit zu sorgen und Prozesse sauber vorzubereiten. So erstellen wir beispielsweise den Schuljahresplan frühzeitig, damit die Betriebe langfristig planen können. Schon bei der Rekrutierung im Ausland informieren wir umfassend über das deutsche duale Ausbildungssystem: Wie funktioniert es? Welche Inhalte werden vermittelt? Worin unterscheidet es sich vom jeweiligen Schulsystem vor Ort? Wir sprechen mit den Azubis offen über gesellschaftliche Werte und Erwartungen in Deutschland. Unser Anspruch ist es, von Beginn an Sicherheit und Orientierung zu bieten und die Auszubildenden während des gesamten Ausbildungsprozesses zu unterstützen.

Akzente: Und wie bereiten Sie sich vor?

Ellinger: Auch wir lernen jeden Tag dazu. Aktuell haben wir 36 verschiedene Nationen in unserer Schule. Wir setzen uns mit den kulturellen Hintergründen unserer Schülerinnen und Schüler auseinander und beschäftigen uns mit Land und Leuten, um ein tieferes Verständnis für ihre kulturellen Perspektiven zu gewinnen. Integration ist kein einzelner Schritt, sondern ein langer Prozess. Deshalb definieren wir frühzeitig, was wir bieten, was wir fordern und welche Rahmenbedingungen gelten. Diese Klarheit schafft Orientierung und Vertrauen.

Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer DEHOGA-Thüringen

Unser Anspruch ist es, von Beginn an Sicherheit und Orientierung zu bieten.

Ein guter Start in die Ausbildung

Akzente: Welche Schritte sind in den ersten Wochen besonders entscheidend für einen guten Start? 

Ellinger: Die ersten Wochen spielen eine große Rolle. Gerade wenn beispielsweise viele unserer Auszubildenden Tausende Kilometer von zu Hause entfernt sind und zum ersten Mal ihr vertrautes Umfeld verlassen, braucht es weit mehr als einen Ausbildungsvertrag. Es braucht Sicherheit, Transparenz und Verlässlichkeit. So schaffen wir stabile Rahmenbedingungen, auf die sich die Auszubildenden und ihre Familien verlassen können. Während der Coronapandemie haben wir bewiesen, dass man sich auf uns verlassen kann – wir haben Abläufe gesichert und den Ausbildungsbetrieb am Laufen gehalten. Diese Verlässlichkeit spricht sich herum, nicht nur bei den Auszubildenden, sondern auch bei den Familien, die aus der Ferne wissen möchten, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind. 

Akzente: Wie gestalten Sie den ersten Ausbildungstag?

Ellinger: Am ersten Schultag begrüße ich alle neuen Auszubildenden persönlich. Mir ist wichtig, von Anfang an eine Verbindung herzustellen. Ich erzähle von meinem eigenen Ausbildungsstart und mache deutlich: Wir begleiten euch nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Und wenn wir uns in drei Jahren zur Zeugnisübergabe wiedersehen, soll jede und jeder sagen können: Ich wurde hier ernst genommen, unterstützt und gesehen. 

Wir betonen von Anfang an das Gemeinschaftsgefühl. Als kleine, vollprivatisierte Schule entsteht bei uns viel Nähe – wir verstehen uns als „Family“. Wir ermutigen die Auszubildenden ausdrücklich, diese Nähe zu nutzen. Mit unserer Ausbildungskoordination bieten wir eine feste Anlaufstelle, die sich um organisatorische oder behördliche Fragen kümmert und damit auch Lehrkräfte entlastet.

„Integration ist kein einzelner Schritt, sondern ein langer Prozess.“

Dehoga Thüringen Kompetenzzentrum
Lernen mit Perspektive: Im DEHOGA Kompetenzzentrum Thüringen verbinden sich Theorie, Praxis und internationale Vielfalt – ideal für den Start ins Gastgewerbe.
Dehoga Thüringen Kompetenzzentrum
Ein Ort für Talente aus aller Welt: Auszubildende aus 36 Nationen lernen hier gemeinsam – und finden Orientierung in einem neuen beruflichen und kulturellen Umfeld.
Dehoga Thüringen Kompetenzzentrum
Praxisnah von Anfang an: Unterricht und ergänzende Seminare greifen ineinander – so entsteht Ausbildung, die den Anforderungen der Branche wirklich gerecht wird.

Akzente: Wie wichtig sind dabei klare Regeln und gemeinsame Werte?

Ellinger: Wir kommunizieren klar unsere Spielregeln. In unserem Kompetenzzentrum kommen 36 Nationen zusammen – das funktioniert nur auf Basis von Respekt und Verlässlichkeit. Unser Maßstab ist Artikel 1 des Grundgesetzes und damit die Grundlage unseres Zusammenlebens. Themen wie Gleichberechtigung, Rollenverständnis oder religiöse Fragen sprechen wir offen an. Glaube ist Privatsache, Dienst ist Dienst. Wir sind ehrlich mit unseren Auszubildenden: Zu den fachlichen Prüfungsanforderungen in gastronomischen Ausbildungsberufen gehören auch Tätigkeiten, die kulturell sensibel sein können, etwa die Verarbeitung von Schweinefleisch oder der Umgang mit Alkohol. Darüber müssen wir sprechen. Diese Offenheit schafft Klarheit und eine verlässliche Grundlage für beide Seiten.

Zusammengefasst: Ein guter Start gelingt durch klare Informationen, verbindliche Spielregeln, organisatorische Verlässlichkeit und eine wertschätzende Willkommenskultur. Wird diese Basis in den ersten Wochen gelegt, entsteht Vertrauen – und das trägt durch die gesamte Ausbildung.