
„O’zapft is!“: die BGN auf dem Oktoberfest
Die BGN-Aufsichtspersonen Ernst Jacob und Christian Markmann-Lange beziehen sieben Tage vor Beginn des Oktoberfests einen Container auf der Theresienwiese in München. Vor ihnen liegen außergewöhnliche drei Wochen auf dem größten Volksfest der Welt. Ihre Aufgaben? Die bei der BGN versicherten Schausteller- und Gastronomiebetriebe regelmäßig zu besuchen, zu beraten und zu besichtigen. AKZENTE war vor Ort und begleitete die beiden Arbeitsschutzexperten bei ihrem Gang über die Wiesn.
Montagmorgen nach dem ersten Wiesn-Wochenende: Wie immer schließt Ernst Jacob kurz nach acht Uhr den BGN-Container auf, stellt die Kaffeemaschine an und tauscht seine Straßenschuhe gegen Sicherheitsschuhe. In dem wenige Quadratmeter großen Büro auf Zeit ist alles drin, was er und sein kurz darauf eintretender Kollege Christian Markmann-Lange für ihren Oktoberfesteinsatz brauchen: ein Tisch, Stühle, Ablagemöglichkeiten, eine kleine Küche, Internetanschluss und vor allem eine eigene Toilette. „Das ist ein großer Luxus, den wir sehr zu schätzen wissen – ebenso, dass wir hier einen Rückzugsort haben, in dem wir uns hinsetzen, mal zur Ruhe kommen und auch konzentriert arbeiten können“, so Markmann-Lange. Schließlich hätten sie ja beide neben dem Oktoberfesteinsatz auch noch ihre „normalen“ Aufgaben als Aufsichtspersonen, die während der Zeit auf der Wiesn quasi nebenbei mitlaufen müssten.
Die Ruhe vor dem Sturm
Draußen auf dem Festplatz ist noch alles ruhig. Nur der Lieferverkehr für die Beschicker und die Feuerwehr sind unterwegs. Ersterer versorgt die vielen Stände, Buden und Bierzelte mit allem, was gebraucht und aufgefüllt werden muss, um die Besucher später glücklich zu machen. Die Feuerwehr kontrolliert täglich die Hydranten, die Verkehrswege und die Evakuierungsvoraussetzungen. Die Atmosphäre gleicht der einer erwachenden Stadt. Kaum zu glauben, dass ein paar Stunden später bis zu 100.000 Besucher den Platz füllen und in ein wuselndes und lautes Spektakel verwandeln werden.
„Morgens kommen erst die Lieferanten, dann die Besucher, und wir sind mittendrin“, erzählt Ernst Jacob, der seit 2002 jedes Jahr auf dem Oktoberfest arbeitet. „Da lernt man natürlich viele Menschen über die Jahre hinweg sehr gut kennen.“ Sein Schmunzeln zeigt, dass er einige Geschichten auf Lager hat, die besser nicht den Weg in die Öffentlichkeit finden sollten. Nur über die folgende dürfen wir berichten: „Vor einigen Jahren haben wir einen ordentlich angetrunkenen Schausteller abends recht weit von seinem Unternehmen aufgegriffen und zu seinem Wohnwagen begleitet. Von seiner Familie hatte niemand Zeit, das nicht mehr standfeste Familienoberhaupt abzuholen. Wir übergaben ihn seiner Frau mit den Worten: ‚Schließlich haben Sie ja bei der BGN das Rundum-sorglos-Paket gebucht, da gehört auch das hier mit zum Service.‘“ Der Mann habe sich am Morgen darauf vielmals entschuldigt, seitdem seien sie freundschaftlich verbunden.

„Es gibt tatsächlich angetrunkene Festzeltbesucher, die der Bedienung absichtlich ein Bein stellen. Traurig, aber wahr.“
Morgens zuerst in die großen Festzelte
So, genug geplaudert – jetzt wird es ernst. Heute wollen die beiden Männer zuallererst eines der großen Bierzelte inspizieren. „Jetzt sind noch keine Festzeltbesucher da, das macht die Sache einfacher, die Verantwortlichen sind noch entspannt.“ Gesagt, getan: Wir laufen los. Im Festzelt werden wir von Betriebsleiter Nico Fratric freundlich begrüßt. Der Besuch der BGN ist offensichtlich keine nervende Störung, er führt uns bereitwillig herum. „Wir schauen uns in den Zelten in erster Linie die Küchen, die Arbeitsgeräte, die Schänken und vor allem die Verkehrswege an“, erklärt Markmann-Lange. Im Küchenbereich wird bereits unter Hochdruck geschnippelt, gerührt und gebraten, immerhin gehen durchschnittlich 10.000 frisch zubereitete Essen pro Festzelt und Tag über die Ausgabentheken. Ernst Jacob und Christian Markmann-Lange schieben sich gemeinsam mit dem Betriebs- und dem Küchenleiter durch die engen Gänge des Küchenbereichs. Hier läuft alles hochprofessionell, nur die fehlende Schlittenrückwand an der Aufschnittschneidemaschine wird beanstandet, sonst nichts.

Betriebsleiter Nico Fratric begrüßt die beiden Aufsichtsperson und schon geht die Besichtigung los.

Seinem Blick entgeht so gut wie nichts: Christian Markmann-Lange sieht sofort, dass im Küchenbereich an dieser Aufschnittschneidemaschine die Schlittenrückwand fehlt.
Hier fließt das Bier ununterbrochen
Weiter geht es zu den vier Schänken, das sind die Stationen an den vier Ecken des Festzelts, in denen Tausende Liter Bier pro Tag gezapft werden, um in die durstigen Kehlen der Besucher zu fließen. Interessant ist dabei, dass inzwischen fast alle Bierzelte eine eigene, ganzjährig im Boden verbaute Bierringleitung haben. Dies erleichtert das Wiederbefüllen der Biertanks. Die Tankwagen müssen dafür nur noch jeweils eine Ecke der Zelte anfahren. „Bei der Augustiner-Brauerei setzt man dagegen auch heute noch auf Bier im Holzfass, was dazu führt, dass die 200-Liter-Fässer per Hand bewegt werden müssen“, so Ernst Jacob. „Die wiegen insgesamt fast 300 Kilogramm, das ist eine körperlich wirklich harte Arbeit trotz technischer Hilfsmittel wie Gabelstapler und Sackkarren sowie dem ‚Faulenzer‘ zum Aufstellen der Fässer.“
Die Schänken sind alle in Ordnung, nur bei den Verkehrswegen gibt es hier und da Verbesserungsvorschläge seitens der BGN-Experten. „Selbst kleinste Stolperstellen, zum Beispiel an den Bodengittern, sind für die Bedienungen richtig gefährlich. Fallen Sie mal mit zehn oder sogar 14 vollen Maßkrügen hin“, so Markmann-Lange. „Da kann viel passieren, deshalb sind wir hier auch unerbittlich.“ Die Mängel werden fotografiert und dokumentiert. Betriebsleiter Nico Fratric verspricht Abhilfe, nach ein oder zwei Tagen wird das BGN-Team nachschauen, ob alles in Ordnung ist.

„Wir verstehen uns als Helfer und Berater. Manchmal sind wir aber auch Zwangsberater.“
Kein Oktoberfest ohne Wurstbratereien
Weiter geht es zur Wurstbraterei von Ramona Pölzl-Rosenhammer. Als wir dort ankommen, gibt es ein großes Hallo. Die Chefin und ihre rechte Hand, Jessica Stadler, strahlen die beiden BGN-Experten an. „Ja, wir kennen uns schon viele Jahre“, sagt Christian Markmann-Lange und lächelt zurück. „Als wir mal Probleme mit der Gewerbeaufsicht wegen einer fehlenden Absturzsicherung während unseres Aufbaus hatten, wurde uns seitens der BGN superschnell und unkompliziert geholfen. Danach haben wir uns im Rahmen des Kompetenzzentrenmodells intensiv mit dem Thema Arbeitsschutz beschäftigt“, erklärt Jessica Stadler und präsentiert stolz einen prall gefüllten BGN-Arbeitsschutzordner. Dort wird alles dokumentiert: die Gefährdungsbeurteilung, die Unterweisungen, die Handlungsanleitungen. Welche auf den Arbeitsschutz bezogenen Knackpunkte gibt es in so einer Wurstbraterei? „Brandschutz wegen der Fritteusen, Hautschutz, elektrische Gefährdungen und die richtige Verwendung von Reinigungsmitteln“, zählt Markmann-Lange auf. Dazu kämen lange Steharbeitszeiten, Lärm, Hektik und Stress – das Übliche eben auf der Wiesn.
Flipflops oder Sicherheitsschuhe?
Nächste Station an diesem Vormittag: der 80 Meter hohe „Skyfall-Tower“. Inhaber Michael Goetzke ist der BGN kein Unbekannter, er sei hier auf der Wiesn einer der Ersten gewesen, die begriffen hätten, wie wichtig guter Arbeitsschutz für die eigenen Beschäftigten sei, so Ernst Jacob. „Bei Fahrgeschäften wie dem ,Skyfall‘ schauen wir uns besonders den Auf- und Abbau an. Deshalb sind wir auch schon eine Woche vor Beginn des Oktoberfests täglich auf dem Platz“, erklärt der BGN-Experte. Typische Fragen bei so einem Kontrollbesuch: Tragen alle die richtigen Sicherheitsschuhe und Kopfschutz? Gibt es korrekte Absturzsicherungen inklusive der persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz? Wurden Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt, dokumentiert und die Beschäftigten unterwiesen?
„Wenn so ein Fahrgeschäft erst mal steht, ist unsere Arbeit so gut wie getan. Dann kommen wir hier höchstens noch mal vorbei, um zu schauen, ob die Arbeiter während des Betriebs sichere Standplätze einnehmen und sich nicht in Gefahr bringen.“ Das passiere eher nicht beim ,Skyfall‘, aber bei anderen Fahrgeschäften schon ab und zu. „Wenn eine der Personen, die da arbeiten, während der Fahrt beim ,Breakdancer‘ oder ,Scheibenwischer‘ oder unter einer Großschaukel zum Beispiel nach einem heruntergefallenen Handy greift, dann kann das schwere bis tödliche Folgen haben.“

,Skyfall‘-Betreiber Michael Goetzke lobt die Zusammenarbeit mit der BGN: „Mit den beiden hier funktioniert das super.“
Auf zur Oidn Wiesn
Ernst Jacob und Christian Markmann-Lange beschließen, zum Abschluss des vormittäglichen Rundgangs noch einen Blick auf die „Oide Wiesn“ – die „Alte Wiesn“ – zu werfen. „Zu diesem Bereich muss man zwar einen kleinen Eintritt bezahlen, dafür kosten alle Fahrten aber nur 1,50 Euro. Das ist ein Angebot der Stadt München für Familien mit kleinen Kindern“, so Markmann-Lange. Traditionelle Karussells, Autoscooter und andere Fahrgeschäfte, die man je nach Alter des Besuchers noch aus der eigenen Kindheit kennt, verströmen eine gehörige Portion an Nostalgie. Hier läuft alles ruhiger und langsamer, entsprechend entspannt sitzt Kettenkarussellbetreiber Josef Kalb in seinem Kassenhäuschen. Von hier aus hat er alles im Blick und steuert auch sein Karussell. Wegen des Nieselregens an diesem Vormittag ist der Betrieb überschaubar, er nimmt sich die Zeit für einen kurzen Plausch mit der BGN. Unfälle sind bei ihm äußerst selten, Auf- und Abbau laufen routiniert mit einer eingespielten Mannschaft. Schlecht vorstellbar, dass diesen Mann etwas aus der Ruhe bringen kann. Doch, ja, gestern habe ein Kind einen epileptischen Anfall während der Fahrt erlitten. „Zum Glück hat die Mutter das direkt gesehen, wir haben das Karussell sofort gestoppt und den Rettungsdienst geholt“, erzählt Kalb. „Die sind hier auf der Wiesn ja glücklicherweise immer in der Nähe.“ Alles sei gut ausgegangen, aber da kriege man schon mal einen Schrecken.

Kettenkarussellbetreiber Josef Kalb hat Zeit für ein entspanntes Gespräch. Wenn der Aufbau seines Karussells gelaufen ist, hat die BGN hier nicht mehr viel zu tun.

Auf der Oidn Wiesn versprühen traditionelle Fahrgeschäfte wie solch ein Kettenkarussell einen Hauch von Nostalgie.
Gerade kommt ein größerer Trupp Kinder mit leuchtenden Augen zum Karussell und will Tickets kaufen. Ein guter Zeitpunkt, um sich zu verabschieden. Mittlerweile nieselt es ununterbrochen und wir freuen uns auf den trockenen BGN-Container. Die Kaffeemaschine wird angeworfen und die beiden Männer überlegen, was sie zu Mittag essen. Sich etwas in der eigenen kleinen Küche aufwärmen oder doch in die Kantine gehen, wo alle, die auf dem Oktoberfest arbeiten, essen gehen können? Die Entscheidung steht noch aus, als sich die Reporterin auf ihren Heimweg macht. „Wissen Sie“, gibt ihr Ernst Jacob mit auf den regnerischen Heimweg: „Uns geht es wie allen anderen, die hier arbeiten: Vor dem Fest überwiegt die Vorfreude, die letzte Aufbauwoche ist spannend, die erste Festwoche auch noch, und dann will man eigentlich nur noch, dass es zu Ende geht. Es ist schon der Wahnsinn hier.“

Interessante Fakten zum Oktoberfest
- 2025 wurden rund 6,5 Millionen Besucher gezählt.
- Es wurden circa 7 Millionen Maß Bier getrunken, davon 4 bis 5 Prozent alkoholfrei.
- In den letzten Jahren gingen jeweils etwa 435.000 Brathendln über die Theken, außerdem circa 125 Ochsen.
- Es werden jährlich circa 110.000 Kubikmeter Wasser und 2,8 Millionen kWh Strom verbraucht.
- Am Wiesn-Starttag 2025 mussten 910 Personen medizinisch versorgt werden, weil wetterbedingt sehr hohe Temperaturen in den Festzelten und auf dem Gelände herrschten.
- Von den fast 500 Beschickern sind etwa 85 Prozent Mitgliedsbetriebe der BGN.















