Reportage Rehabilitation Nicolas Scheuer
Autounfall mit dramatischen Folgen

„Ich wollte schon immer Koch werden – und dabei bleibt es!“

Obwohl Nicolas Scheuer durch einen Autounfall vor sieben Jahren schwerste Verletzungen erlitt und sich durch viele Operationen und jahrelange Rehamaßnahmen kämpfen musste, verlor er seinen Traumberuf Koch nie aus den Augen. Dass er diesem Ziel Schritt für Schritt näher kommt, verdankt er seinem eisernen Willen, seiner Familie, den behandelnden Ärzten und Therapeuten – und der kompetenten und finanziellen Unterstützung der BGN. Akzente hat ihn besucht.

„Bei Nicolas gab es schon immer nur eine Devise: Volle Kraft voraus!“, beschreibt Frank Scheuer einen Charakterzug seines Sohnes und wirft dem schlaksigen, fast zwei Meter großen jungen Mann einen liebevollen und stolzen Blick zu. Auch Ausbilder Ravel Genaid und Reha-Managerin Nicole Alb von der BGN sind sich einig: Ohne diese außergewöhnliche Willenskraft und positive Energie stünde der heute 25-Jährige nicht dort, wo er jetzt ist – in einer Ausbildungsküche, mitten in seinem Team.

Reportage Rehabilitation Nicolas Scheuer

Nicolas Scheuer (dritter von links) mit seinen Kolleginnen und Kollegen und Ausbilder Ravel Genaid (zweiter von rechts) in der Küche des Berufsbildungszentrums Haus Elisabeth des Caritasverbands Trier.

Kaum Hoffnungen nach dem Unfall

Seine Ärzte hatten den Eltern und dem Bruder direkt nach dem Autounfall im Krankenhaus keinerlei Hoffnungen gemacht. Sie sollten sich auf das Schlimmste gefasst machen, erinnert sich Vater Frank an diese furchtbare Zeit, die sie wartend im Krankenhaus verbrachten. Nicolas hatte im Herbst 2019, gerade einmal fünf Wochen zuvor, eine Ausbildung zum Koch begonnen – seinem Traumberuf seit Kindesbeinen an. Auf dem abendlichen Heimweg war er von seinem Ausbildungsort mit dem Auto von der regennassen Straße abgekommen, eine Böschung heruntergefahren und mit einem Baum kollidiert. Die Rettung durch die Feuerwehr gestaltete sich mehr als schwierig, der schwerstverletzte, bewusstlose junge Mann wurde noch vor Ort durch den Notarzt intubiert und über den Schockraum in das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier eingeliefert.

Reportage Rehabilitation Nicolas Scheuer

Vater Frank Scheuer schätzt die kompetente und professionelle Unterstützung von BGN-Reha-Managerin Nicole Alb sehr. „Sie gehört schon fast zur Familie.“

Reportage Rehabilitation Nicolas Scheuer

Seinem Sohn Nicolas gilt die ganze Fürsorge: Frank Scheuer ist stolz auf seinen Sohn und dessen unbedingten Willen, wieder gesund und arbeitsfähig zu werden.

Weder sprechen, schlucken noch laufen

Dort lag Nicolas mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, lebensbedrohlichen Verletzungen im Bereich des Halses und des Brustkorbs und mehreren Frakturen an Armen und Beinen im künstlichen Koma. Noch am Unfalltag begann eine lange Serie unterschiedlicher unfallchirurgischer Operationen. Nach fast vier Wochen wurde Nicolas von der Intensivstation intern in die Frührehabilitationsabteilung verlegt. Langsam machte er kleine motorische und kognitive Fortschritte. Damals konnte er weder sprechen, schlucken noch sich bewegen. In dieser Zeit nahm Reha-Managerin Nicole Alb Kontakt zur Familie auf und berät und betreut sie seither kontinuierlich. „Nicolas und seine Familie sind außergewöhnlich stark und halten fest zusammen. Diese verlässliche familiäre Unterstützung war und ist enorm wichtig für den Verlauf der Reha“, so Alb. Es war immer jemand an Nicolas’ Seite, sein Bruder unterbrach sogar sein Studium, um bei ihm sein zu können.

Wendepunkt Gailingen

Für weitere Rehabilitationsmaßnahmen wurde Nicolas in das Hegau-Jugendwerk, ein Neurologisches Krankenhaus und Rehabilitationszentrum in Gailingen am Bodensee, verlegt. „Wir waren anfangs sehr skeptisch, weil Gailingen so weit von uns zu Hause weg ist“, erinnert sich Frank Scheuer. „Vor allem meine Frau war dagegen, sie wollte ihren Jungen nicht so weit entfernt wissen.“ Im Nachhinein ist sich die Familie aber sicher: Die Verlegung in das Krankenhaus am Bodensee war ein echter Gamechanger. „Dort ist man spezialisiert auf schwerstverletzte junge Menschen. Das gesamte Klinikpersonal und die Ärzteschaft waren einfach nur wundervoll, und unser Sohn hat enorme Fortschritte gemacht“, blickt Vater Scheuer auf diese Zeit zurück.

Reportage Rehabilitation Nicolas Scheuer

Wenn sich mein Sohn etwas vornimmt, dann zieht er es auch durch. Auf die familiäre Unterstützung kann er sich zu 100 Prozent verlassen.

Ein Jahr lang kämpfte sich Nicolas im Süden Deutschlands zurück ins Leben und lernte alles neu: sprechen, schlucken, sich selbstständig bewegen. Anfangs wurde er künstlich ernährt, erst nach und nach konnte er wieder weiche Kost oral zu sich nehmen. „Haben Sie schon mal pürierte Bratwurst schlucken müssen?“, fragt er. „Das war der absolute Tiefpunkt und derart schrecklich, dass es mir gleichzeitig einen Motivationsschub gab. In dem Moment nahm ich mir fest vor: Ich muss weiterkämpfen, um irgendwann wieder mit allen Sinnen richtig essen und trinken zu können.“

Trotz massiver Einschränkungen in Motorik, Koordination sowie Seh- und Konzentrationsfähigkeit und trotz des täglichen stundenlangen Trainings verlor Nicolas nie seinen Willen, das alles durchzuhalten. „Wir waren jedes Wochenende bei ihm am Bodensee und haben uns um ihn gekümmert. Das war sehr herausfordernd für uns alle, aber die Mühen haben sich definitiv gelohnt“, ist sich Frank Scheuer sicher.

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Seit seiner Kindheit wollte Nicolas nur eines: Koch werden. Daran konnten auch der Unfall und seine Folgen nichts ändern.
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„Nicolas ist ein Teamplayer und eine wichtige Stütze der gesamten Küchencrew“, lobt Ausbilder Ravel Genaid (Zweiter von rechts).
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Auch feinmotorisch herausfordernde Tätigkeiten wie das Reiben von Kartoffeln klappen immer besser.
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„Ich bin der BGN und vor allem Frau Alb sehr dankbar“, sagt Nicolas Scheuer. „Sie hat immer gewusst, was gut für mich ist und mich kompetent unterstützt.“

Umschulung in Erwägung ziehen?

Während der Reha in Gailingen stellte sich für Reha-Managerin Nicole Alb die Frage: Wie wird es beruflich mit Nicolas weitergehen? Es gab zwar gute Fortschritte hinsichtlich seiner kognitiven Fähigkeiten, aber die ausgeprägten ataktischen Störungen – die sich in unkoordinierten Bewegungen äußern – ließen die erfahrene Reha-Managerin doch zweifeln, ob er jemals seine Ausbildung zum Koch würde weiterführen können. Sie riet zu einer Umschulung für einen körperlich weniger anstrengenden Beruf im Büroumfeld, hatte dabei jedoch nicht mit Nicolas’ Gegenwehr gerechnet. „Er lehnte das vehement und kategorisch ab. Für ihn kam nur der Beruf des Kochs infrage – oder gar nichts“, erinnert sie sich lächelnd. Damals hätte sie sich nicht vorstellen können, dass Nicolas sie, seinen Vater und das Akzente-Team an seinem Ausbildungsplatz in der Nähe von Trier begrüßen und bekochen können würde.

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Nach einem so schweren Unfall zu realisieren, dass man alles, was man mal konnte, nicht mehr kann, ist wirklich hart. Da denkt man auch an Selbstmord.

Ausbildung zum Beikoch

Der hochgewachsene junge Mann führt uns stolz und ein wenig aufgeregt durch die Räumlichkeiten des Berufsbildungszentrums (BBZ) Haus Elisabeth des Caritasverbands Trier. Dort absolvieren 13 junge Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen eine dreijährige Ausbildung zum Fachpraktiker Küche oder Fachpraktiker Hauswirtschaft. „Die jungen Leute arbeiten hier in einem geschützten Raum und lernen in ihrem eigenen Tempo. Das wäre in einer normalen Restaurantküche nicht möglich“, erklärt Ausbilder und Küchenchef Ravel Genaid. Täglich bereiten er und seine Azubis 15 bis 20 frisch gekochte Mahlzeiten für das gesamte Personal im BBZ und externe Gäste zu. Der Ablauf entspricht dem in jeder Küche: Speiseplan erstellen, einkaufen und am Vormittag Gemüse waschen und schneiden, Fleisch und Fisch vorbereiten sowie Soßen ansetzen.

Der Besuch von Akzente bringt den gewohnten Ablauf an diesem Tag gehörig durcheinander, das Team nimmt es gelassen und posiert mit Spaß vor dem Fotografen. „Alle meine Azubis hier sind höchst motiviert und Nicolas ist für viele wie ein großer Bruder. Er verbreitet immer gute Laune, übernimmt auch gerne mal die Führungsrolle und ist extrem hilfsbereit“, lobt Ravel Genaid. Besonders beeindruckt ihn Nicolas’ Werdegang und Lernbereitschaft:  „Es ist wirklich erstaunlich, mit welchem Nachdruck er versucht, in allem, was ihm noch schwerfällt, immer besser zu werden.“

Reportage Rehabilitation Nicolas Scheuer

„Unser Ziel ist es, unsere Auszubildenden fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen“, sagt BBZ-Leiterin Susanne Jacobi. „Gerade bei Nicolas bin ich da optimistisch: Ein motivierter, kluger junger Mann, der weiß, was er will.“

Reportage Rehabilitation Nicolas Scheuer

„Nicolas hat sehr viel Energie und ist sehr streng mit sich selbst", betont Ausbilder Ravel Genaid. „Manchmal muss ich ihn regelrecht bremsen. Er muss lernen, mit seinen Kräften gut hauszuhalten.“

„Mein Kopf ist manchmal schneller als mein Körper“

Diesen Tatendrang und Optimismus strahlt Nicolas nachdrücklich aus, auch wenn er manchmal frustriert ist, dass sein Kopf oft schneller ist als sein Körper und dieser immer wieder Pausen braucht. Das wundert nun wiederum niemanden, denn Nicolas’ Woche ist vollgepackt mit Terminen und eng getaktet – so eng, dass auch ein völlig gesunder Mensch an die eigenen Belastungsgrenzen stoßen würde:  An zwei Tagen besucht er die Berufsschule bis nachmittags, an drei Tagen arbeitet er im BBZ von 8 bis 13:30 Uhr. Danach stehen für ihn täglich unterschiedliche Therapien und Trainingseinheiten an. „Dann muss ich ja auch meine Berichte für die Berufsschule schreiben, und das dauert bei mir etwas länger als bei gesunden Menschen.“  Abends trifft er sich oft online mit seinem Bruder zum Spielen – oder er telefoniert mit seiner Freundin. Sie wohnt in Trier und dort verbringt Nicolas dann meistens seine Wochenenden. Ein strammes Programm, das ihm viel abverlangt und das nun schon viele Jahre lang andauert.

„Ich will Ausbilder werden“

Nach seinem Aufenthalt in der Klinik am Bodensee gingen und gehen die intensiven Rehamaßnahmen zu Hause ambulant weiter, Tag für Tag, Woche für Woche. „Manchmal hat man einfach keine Lust mehr und ist frustriert. Wichtig ist, dass man aus diesen dunklen Löchern wieder herauskommt und sich neu motiviert“, gewährt der junge Mann Einblicke in eher dunkle Momente. Die dauern aber zum Glück nie lange an und er blickt dann wieder voller Elan und Optimismus in seine Zukunft: „Träumen darf man ja – und in meinen Träumen sehe ich mich selbst als fertigen Koch in einer professionellen Küche. Und dann setze ich noch den Ausbilder drauf, weil ich sehr gerne anderen jungen Menschen helfen würde, denen es nicht gut geht und die meine Unterstützung brauchen.“ Manchmal werden ja auch Träume wahr.

Reportage Rehabilitation Nicolas Scheuer

Nicolas wurde trotz jahrelanger ununterbrochener Therapie nie rehamüde und blieb immer enorm motiviert. Das ist eine starke Leistung.

„Ich habe immer das Licht am Ende des Tunnels gesehen“

Wieso Nicolas Scheurer die Hoffnung nicht aufgab und wie er in seinen Traumberuf zurückfand, erfahrt ihr im Video. Folgt unserem Instagram-Kanal für diese und weitere bewegende Stories.

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