
Tankinspektion: Per Knopfdruck nach oben
Die insgesamt 515 Wein- und Sekttanks der Sektkellerei Henkell Freixenet in Wiesbaden müssen jährlich einer Sichtprüfung von innen unterzogen werden. Der Einstieg durch das enge Mannloch und die Arbeiten in den riesigen Tanks sind immer mit Risiken verbunden. Welche Lösungen die Verantwortlichen bei Henkell Freixenet hierfür entwickelt haben, erfuhr Akzente-Redakteurin Gabriele Albert bei einem Besuch vor Ort.
Vor mir tut sich ein rund 45 Zentimeter breites Loch auf. Dahinter liegt der dunkle Innenraum eines 15 Meter langen liegenden Tanks mit drei Metern Durchmesser. Für mich ist an dieser Stelle Schluss – nicht aber für die Personen, die in den Lager- und Gärhallen bei Henkell Freixenet in Wiesbaden arbeiten. Sie sind für die Reinigung und Wartung der liegenden Getränketanks zuständig und müssen nach jedem Produktwechsel – spätestens aber einmal im Jahr – für die vorgeschriebene Sichtprüfung durch das sogenannte „Mannloch“ in den Tank klettern, ihn reinigen sowie die Behälterinnenseite auf Schäden untersuchen.
Steht ein solcher Mammuttank aufrecht, mussten die Mitarbeitenden bis vor einigen Jahren ihre Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) anlegen, den Behälterboden vor Beschädigungen schützen, das Material durch das Mannloch hieven, selbst einsteigen und im Tankinnenraum einen Arbeitssitz zusammenbauen. Dann wurden sie von oben per Seilwinde von einem Kollegen gesichert und Meter für Meter während der Sichtprüfung die insgesamt rund 20 Meter hinaufgezogen. Heute erledigt die Sichtprüfung der stehenden Tanks eine Drohne – doch dazu später mehr.
Per Tankbefahranlage gefahrlos nach oben
In den Gärhallen A und B, in denen die in Wiesbaden unter anderem produzierten Sektsorten Henkell, Freixenet und Fürst von Metternich über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten lagern, stehen die Tanks nicht aufrecht. Sie liegen quer übereinander, jeweils drei Stück. Allein in Gärhalle B sind es insgesamt 190, jeder mit einem Gesamtvolumen von 108.000 Litern.
Beim unteren Tank kann man den ersten Einstieg noch problemlos ohne große Hilfsmittel erreichen. Beim zweiten befindet sich das Mannloch bereits in fünf Metern Höhe, der Zugang zum dritten und höchsten Behälter liegt dann schon in neun Metern über dem Hallenboden. „Es wäre viel zu gefährlich, in solchen Höhen per Anstellleiter in den Tank zu klettern. Deshalb setzen wir hier eine Tankbefahranlage ein“, erklärt Olaf Lobenhofer, leitende Sicherheitsfachkraft bei Henkell Freixenet in Wiesbaden. Muss einer der Mitarbeitenden in den Tank hinein, fährt er mithilfe dieser Anlage nach oben und kann von der gesicherten Plattform aus gefahrlos in das Mannloch einsteigen – seine Reinigungsutensilien hat er dabei immer schnell und sicher zur Hand ebenso wie einen Kollegen, der ihn von der Plattform aus unterstützt.
Älteres Modell diente als Vorlage
Die Tankbefahranlage, die uns in Gärhalle B vorgeführt wird, ist erst ein Jahr alt und auf dem neuesten Stand der Technik. „Sie ist einzigartig in Deutschland, wurde nach unseren Vorgaben exklusiv für uns gebaut und könnte auch anderen Unternehmen, die große Behälter oder Silos haben, als Vorlage dienen“, so Olaf Lobenhofer. „Als Blaupause diente eine ähnliche Anlage, mit der wir bereits seit den 1960er-Jahren arbeiten und die immer noch in einer anderen Halle im Einsatz ist.“ Nach einer gründlichen Prüfung verschiedenster Alternativen waren sich alle Beteiligten einig, dass das alte und bewährte Modell die Grundlage für die neue Befahranlage sein sollte. Also habe man sich mit der zuständigen Aufsichtsperson Andreas Sandler von der BGN zusammengesetzt und ihn von Anfang an in die Planung einbezogen. „Solch eine Anlage gibt es natürlich nicht von Stange – dafür braucht man einen erfahrenen Hersteller im Sondermaschinenbau“, erklärt Lobenhofer. Den habe man glücklicherweise mit der Firma Gebr. Käufer Befahrtechnik gefunden. Mit dem Ergebnis der Zusammenarbeit sind alle hochzufrieden.
Das gilt auch für Kellermeister Volker Hofmeister: „Wenn ich daran denke, wie ich früher in die Tanks einsteigen musste – da wurde es mir schon mal mulmig. Dagegen ist die Arbeit heute mit dieser modernen Anlage regelrecht entspannt“, erklärt er lächelnd und führt uns deren Funktionsweise vor. Im Vergleich zum älteren Modell verfügt die neue Befahranlage unter anderem über einen eigenen Wasseranschluss, einen Notablass, Warnleuchten und Bodennäherungssensoren. Zudem ist sie zentimetergenau steuerbar, sodass sich das Mannloch so präzise anfahren lässt, dass der Einstieg vom Gerüst aus gefahrlos möglich ist.

Arbeitsschutz hat in unserem Unternehmen einen festen Stellenwert – alle notwendigen Ressourcen werden dafür bereitgestellt.
Täglich im Einsatz
Die neue Anlage ist täglich im Einsatz, meistens in der Frühschicht, weil dann die Kellerei personell am stärksten besetzt sei, erklärt Ann-Kathrin Nöske, die zweite im Team Arbeitssicherheit bei Henkell Freixenet. „Zusätzlich zur jährlichen Sichtprüfung durch eine befähigte Person werden die Tanks natürlich bei jedem Produktwechsel aus hygienischen Gründen gereinigt.“ Kellermeister Hofmeister deutet auf die Reinigungsutensilien, die am Gerüst angebracht sind. „Und das passiert in aller Regel in guter alter Handarbeit.“ So eine Tankbegehung inklusive Reinigung dauert zwischen 30 und 45 Minuten.
Kollege Drohne steigt nun in den Tank
Wir verlassen Gärhalle B und werfen noch einen Blick in Gärhalle D. Hier reihen sich die stehenden, 22 Meter hohen Stahllagertanks eng aneinander. Insgesamt sind es über 140 Stück. In ihnen werden die angelieferten Grundweine gelagert. „Diese Tanks wurden bis etwa 2007 von einem an einer Seilwinde gesicherten Kollegen inspiziert – aber das war noch vor meiner Zeit“ erzählt Ann-Kathrin Nöske. Kollege Lobenhofer kann sich daran noch gut erinnern: „Eine körperlich und mental sehr anstrengende und sehr zeitaufwändige Arbeit.“ Diese Art der Sichtprüfung wurde später ersetzt durch eine Kamera, die man von oben an einer Gewindestange in den Tank hinabließ. „Das war dann schon eine deutlich spürbare Arbeitserleichterung, aber es gab immer noch potenzielle Absturz- und Quetschgefahren für die Mitarbeiter durch die aufzuklappenden Laufgitter über den Tanks.“ Der entscheidende Durchbruch kam laut Lobenhofer dann 2021 mit einer Drohne, die in die Tanks hineinfliegt. Sie überträgt das Kamerabild auf den Monitor des Drohnenpiloten. Dieser kann bei Bedarf eine Filmaufnahme starten, etwa wenn Beschädigungen an der Beschichtung entdeckt werden. In diesem Fall werden die erforderlichen Instandsetzungsmaßnahmen veranlasst.
Auch Drohnen müssen in die Inspektion
Leider ist die Drohne am Tag des AKZENTE-Reportagebesuchs in der Inspektion und lässt sich deshalb nicht in Aktion beobachten. „2022 wurde unsere Drohne mit dem BGN Präventionspreis prämiert; ein Video dokumentiert die ausgezeichnete Lösung“, berichtet Olaf Lobenhofer. „Man kann es sich auf der BGN-Website ansehen und bekommt einen sehr guten Eindruck über die Vorteile dieser hochmodernen Technik.“ Olaf Lobenhofer und Ann-Kathrin Nöske sind mehr als zufrieden mit „Kollege Drohne“: Für die Arbeitssicherheit sei die Drohne ein Quantensprung, sind sich die beiden Sicherheitsexperten einig. „Die zuständigen Kollegen arbeiten sicher vom Boden aus, sie gehen mit der leicht zu transportierenden Drohne von Tank zu Tank“, sagt Ann-Kathrin Nöske. „Die Arbeit ist deutlich effizienter und entspannter als früher und die einfache Dokumentation möglicher Beschädigungen per Bildmaterial ist ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil.“
Wirklich schade, dass die Drohne, die die Tanks inspiziert, uns an diesem Tag nicht zeigen kann, was sie alles draufhat. Vielleicht klappt es beim nächsten Besuch.
Interessante Fakten zu Henkell Freixenet

- Henkell Freixenet ist als internationale Unternehmensgruppe globaler Marktführer im Bereich Schaumwein
- Die Holding ist in 38 Ländern mit eigenen Produktions- und Vertriebsstandorten aktiv und exportiert seine Produkte in rund 140 Länder
- Standort der Holding und von Henkell Freixenet Deutschland ist Wiesbaden
- Die Anzahl der Beschäftigten liegt weltweit bei über 3.500 Mitarbeitenden
- Der Gesamtumsatz exklusive Sekt- und Branntweinsteuer belief sich 2024 auf über 1,2 Milliarden Euro
- Bekannte Marken sind u. a. Henkell, Mionetto, Fürst von Metternich, Mangaroca Batida, Champagne Alfred Gratien, Wodka Gorbatschow, Kuemmerling, Söhnlein Brillant und Pott Rum















